– 55 Jahre künstliche Herzklappe –

Die Meilensteine

Das Jahr
1960

Die erste erfolgreiche Implantation

Am 21. September 1960 erhält der US-amerikanische Farmer Philip Amundson eine künstliche Mitralklappe – und lebt damit mehr als zehn weitere Jahre. Weniger als zwölf Monate nach der ersten erfolgreichen Implantation wird das Herzklappenmodell auch in der breiten Anwendung genutzt.

Amundson ist der erste Mensch, dem eine Herzklappe komplett entfernt und durch eine künstliche Klappe ersetzt wird. Noch nie zuvor hat ein Patient länger als drei Monate mit einer neuen Herzklappe gelebt. Amundson stirbt erst, als er beim Streichen seines Hauses von der Leiter fällt.

Vor der Operation: Philip Amundson mit Starr-Edwards- Mitralklappe
Vor der Operation:
Philip Amundson mit Starr-Edwards-Mitralklappe
Nach der Operation: Philip Amundson gesund in seinem Garten
Nach der Operation:
Philip Amundson gesund in seinem Garten

Miles Edwards und ALbert Starr
Miles Edwards und ALbert Starr

Die Erfinder

Hinter der erfolgreichen Implantation stecken der Herzchirurg Albert Starr und sein Landsmann, der US-amerikanische Ingenieur Miles Edwards. Innerhalb von nur zwei Jahren haben sie die künstliche Mitralklappe entworfen, konstruiert und getestet.

Albert Starr

Der US-Amerikaner Albert Starr (*1926) beginnt bereits im Alter von 16 Jahren sein Medizinstudium an der Columbia Universität in New York. Nachdem er seine Promotion mit 22 abschließt, arbeitet er zunächst als Assistenzarzt am John Hopkins Hospital in Baltimore. Ein damaliger Kollege berichtet: „Er sah zu jung für einen Arzt aus, aber wie sich herausstellte, war er ein hart arbeitender und einfallsreicher Mann“. Später wechselt Starr an die medizinische Fakultät der Universität Oregon, wo er auf Miles Edwards trifft. Er sagt über ihn: „Er war um die 60 Jahre alt und ich war Anfang 30, aber wir spürten keinen Altersunterschied zwischen uns.“ Dr. Albert Starr ist heute noch Professor für Kardiologie an der Universität Oregon.

Miles Edwards

Der US-amerikanische Ingenieur Miles „Lowell“ Edwards (1898–1982) ist von Kindesbeinen an ein Erfinder. Seine Ehefrau bemerkt: „Bereits in früher Kindheit bereitete es Lowell Spaß, Eltern und Freunde mit Dingen zu überraschen, die ausnahmslos etwas Besonderes sein mussten.“ 63 Patente nennt er am Ende seines Berufslebens sein eigen. Doch damit nicht genug: Im Ruhestand beschließt er, mit seinem Wissen über Hydraulik und Kraftstoffpumpen künstliche Herzklappen zu konstruieren. Dabei spielen auch persönliche Erfahrungen eine Rolle. Als Teenager litt er an rheumatischem Fieber, das eine lebensbedrohliche Vernarbung der Herzklappen zur Folge haben kann. 1958 trifft er auf den Chirurgen Albert Starr, mit dem er seinen Plan in die Tat umsetzt.

Die erste künstliche Aortenklappe

Obwohl auch andere Forscher versuchten, einen Herzklappenersatz zu entwickeln, gelang es erst Starr und Edwards eine künstliche Aortenklappe zu entwickeln, die weltweit einsetzbar ist.

Mit den Erfindungen von Starr und Edwards ist der Weg frei für den Herzklappenersatz. In der Folge kommt es zu einem Boom von Herzklappenoperationen weltweit. In Deutschland wird die erste Aortenklappe 1961 in Düsseldorf eingesetzt, ein Jahr später die erste Mitralklappe.

1961

Das erste Triple

1963 gelingt es dem Team um Starr, drei Herzklappen eines Patienten zu ersetzen.

55jahre-1960-1963-1
Ein glückliches Paar: Patienten mit zwei und drei künstlichen Herzklappen
Künstliche Herzklappen machen Schlagzeilen: das erste Triple in London, 1966
Künstliche Herzklappen machen Schlagzeilen: das erste Triple in London, 1966

1963

Die Erfolge des Teams um Albert Starr von 1960 bis 1997

Zahl der
Patienten:
4.002

Zahl der
Herzklappenoperationen:
4.902

Zahl der
Herzklappenoperationen:
4.902

Längste zusätzliche
Lebensdauer:
ca. 47 Jahre

1960-1997

Das Jahr
1965

Herzklappen aus tierischem Gewebe

Die französischen Herzchirurgen Alain Carpentier, Jean-Paul Binet und Carlos Duran implantieren einem Patienten 1965 die Herzklappe eines Schweines und ebnen so den Weg für die Entwicklung von biologischen Herzklappen. Der Vorteil von biologischen Klappen gegenüber mechanischen Klappen besteht darin, dass Patienten keine gerinnungshemmenden Medikamente einnehmen müssen.

CarpentierAlain Carpentier

Der Franzose Alain Carpentier (*1933) leistet im Laufe seiner Karriere einen großen Beitrag zur besseren Behandlung von Herzklappenerkrankungen. So entwickelt er die Behandlung des tierischen Gewebes mit Chemikalien, um zu verhindern, dass es vom Körper abgestoßen wird. Er hat nicht nur künstliche Herzklappen weiterentwickelt, es gelingt ihm auch, Herzklappen wiederherzustellen. Carpentier ist zudem an einem Projekt zur Entwicklung eines künstlichen Herzens beteiligt.

Herzklappen aus Rinderherzgewebe

Der britische Herzchirurg Marian Ionescu (*1929) entwickelt die biologischen Herzklappen weiter und implantiert 1971 erstmals ein neues Modell, das aus dem Herzgewebe eines Rinds hergestellt ist und auf einem künstlichen Ring (Stent) befestigt wird.

Der Vorteil dieser Klappen gegenüber den Klappen aus Schweineherz liegt in ihrer längeren Haltbarkeit.

1971

Zweite Generation der Herzklappe aus Rinderherzgewebe

Dank der Vorreiterrolle von Herzchirurgen wie Alain Carpentier wird die zweite
Generation der Klappen aus Herzgewebe vom Rind entwickelt. Diese legt den Grundstein der Entwicklung moderner Klappenmodelle, und selbst die heute verwendeten Klappen bauen noch darauf auf.

Durch die Entwicklung dieses Modells kann die Dauer der Operation verringert sowie die Haltbarkeit der künstlichen Klappen erhöht werden.

1981

Das Jahr
2002

TAVI – ein neues Behandlungsverfahren

Der französische Kardiologe Alain Cribier wendet am 16. April 2002 erstmals eine kathetergestützte Methode an, um eine Aortenklappe zu ersetzen.

Mit der sogenannten Transkatheter-Aortenklappen-Implantation, kurz TAVI, besteht die Möglichkeit, Patienten mit Aortenstenose auch ohne Öffnung des Brustkorbes und den Einsatz einer Herz-Lungen-Maschine zu behandeln. Das Verfahren wurde speziell für Patienten entwickelt, bei denen das Risiko einer Operation verhältnismäßig hoch ist. Ein Beispiel hierfür ist der Franzose René D.: Er erhält 2006 mithilfe einer TAVI eine neue Herzklappe und feiert dank dieses Eingriffs 2015 seinen 90. Geburtstag.

CribierAlain Cribier

Der französische Kardiologe Alain Cribier (*1945) ist Vorreiter auf dem Gebiet der Aortenklappenchirurgie und führt 2002 die erste TAVI an einem Menschen durch. Schon 1986 operierte er das erste Mal an einer Aortenklappe mithilfe eines Ballons. Diese Operation bezeichnet er als „entscheidenden Schritt“ in seiner Karriere.

Cribier ist ehemaliger Präsident der Französischen Gesellschaft für Kardiologie und Mitglied der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie.

Minimaler Eingriff, maximale Wirkung: das TAVI-Verfahren

HEUTE

55 Jahre nach der ersten erfolgreichen Implantation

Künstliche Herzklappen gehören heute zum medizinischen Standard. Jedes Jahr finden weltweit mehr als 250.000 Herzklappenoperationen (ohne TAVI) statt – alle zwei Minuten. Dabei werden heute größtenteils Klappen aus tierischem Gewebe, aber auch mechanische Klappen eingesetzt.

Herzklappenersatz: die Zahl der Eingriffe in Deutschland